Grand Hotel Casino Royal *****
Vollendet vom Null-Sterne Alltag
18.03 Uhr – Eine schwarze Limousine fährt vor, stoppt vor dem prunkvollen Eingangsbereich. Im Smoking und Abendkleid steigen die Insassen aus. Elegant und anmutig. Dem Ambiente des Grand Casino Hotel Royal angemessen. Der Portier hält dem Paar den Regenschirm und begleitet sie zum Empfang. Übertrieben freundlich gestaltet sich der Empfang durch den Chef der Rezeption. Er ist seit 6,5 Stunden im Dienst, Krawatte adrett gerichtet, Laune glänzend, Gesicht rosig, als wäre er soeben dem hoteleigenen Wellnessbereich entsprungen.
Die Gäste bekommen ihren Zimmerschlüssel. Empfohlen wird das Hotelrestaurant, täglich ab 18 Uhr geöffnet. In der Zwischenzeit hat der Portier bereits das Gepäck auf die makellos hergerichtete Suite gebracht. Am großen Natursteinspringbrunnen in der Empfangshalle geht es entlang zum Lift in die oberen Etagen. Alles erscheint mühelos, leicht und professionell. Warteschlagen, Lärm, Fehler haben hier nichts zu suchen.
Im Leitbild für die Mitarbeiter steht in großen Lettern:
Der Kunde ist die wichtigste Person im Haus. Der Kunde hängt nicht von uns ab, sondern wir hängen vom Kunden ab. Der Kunde stört nie, er unterbricht unsere Arbeit nicht, er ist vielmehr das Ziel unserer Arbeit.
Ca. 30 Minuten später begibt man sich ins hauseigene Casino. Hohe Decken in roter Samt-Optik, Spieltische, Roulette, Black Jack, Jetons. Die Gäste tauschen ein paar Hundert Deutsche Mark in Plasikchips. Alles oder Nichts heißt das Motto am heutigen Abend.
In der Zwischenzeit macht sich der groß gewachsene Hoteldirektor in Chefarztmanier auf Hotelrundgang. Mehrmals täglich prüft der Direktor penibel die Abläufe im Hause, achtet auf Kleinigkeiten. In den frisch hergerichteten Zimmern schaut er unters Bett, wischt mit dem Finger über den Türrahmen. Im Bad nimmt er auf dem Toilettensitz Platz. Er lugt unter das Waschbecken, zieht einen Abflussstöpsel heraus, schaut auf die Abflussrohre – alles sauber.
Das Hotel brummt wie eine Kleinstadt. Alle Zimmer ausgebucht. Ebenso belebt ist das Casino. Man bekommt kaum einen Platz am Roulettetisch. Ohne Reservierung geht im Restaurant nichts.
Das elegant gekleidete Paar aus der Limousine macht die ersten Einsätze. Nippt am Champagner, 12 DM das Glas. Rien ne va plus.
Das sind die Gedanken, die sich vor meinem Auge abgespielt haben, als ich in der düsteren, verwüsteten, muffigen und stark herunter gekommenen Empfangshalle stehe und ins ehemalige Casino schaue. Das Panzerglas der Wechselhäuschen ist zerborsten, die halbe Spielhalle ist eingestürzt, wird nur noch von einem Balken vor dem totalen Einsturz bewahrt.
Der Panzerschrank des Casinos steht offen, der Raum ebenfalls stark vom Einsturz bedroht. Die Hotelzimmer sind auch nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Böden sind aufgeweicht, morsch und die Wände schimmelig. Die langen, breiten Gänge lassen noch die ehemalige Anmut des Hotels vermuten.
Arbeiten wird hier niemand mehr. Auch eine Renovierung erscheint aufgrund des desolaten Gesamtzustandes unmöglich. Nachdenklich verlassen wir das Gebäude.
Der Null-Sterne-Alltag hat Einzug erhalten.
Im Mai 2014 ist das ehemalige Hotel Harzberger Hof opfer eines Brandes geworden. Über 350 Rettungskräfte versuchten das Feuer zu bändigen. Wie es nun mit dem Bad Harzburger Hotel weitergeht ist offen. Ein Komplettabriss würde die Geschichte des Hotelkomplexes unrühmlich beenden.